Presentations & Public Speaking

31 pages
5 views

Kommentare des Kaiserrechts in Papinians Quaestiones, in: ZRG rom. Abt. 126 (2009) 156-186.

of 31
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Share
Description
Kommentare des Kaiserrechts in Papinians Quaestiones, in: ZRG rom. Abt. 126 (2009) 156-186.
Transcript
  IV. Kommentare des Kaiserrechts in Papinians Quaestiones * ) Von Ulrike Babusiaux Papinians Quaestiones enthalten regelrechte Kommentierungen einzelner kaiserlicher Kons- titutionen. Die Kommentare folgen dem aus der rhetorisch-dialektischen Theorie bekannten Schema der ratiocinatio, das erkennbar dazu dient, die Konstitution auf ihren „wahren“ Bedeu-tungsgehalt zurückzuführen. Die dabei notwendige Auslegung (  genus   legale ) und Anwendung (  genus rationale ) der Konstitution folgt den Grundsätzen der rhetorischen Status-Lehre. Papini-ans Kommentare des Kaiserrechts sind damit ein Beispiel für die gelungene Heranziehung der rhetorischen Theorie für die juristische Argumentation. Papinian’s Quaestiones include proper commentaries of separate Imperial Constitutions. These commentaries follow a well-known structure in antique rhetorical and dialectical theory, the ratiocinatio . This structure observably serves to trace back to the genuine purport of the Imperial Act. This necessitates the interpretation (  genus legale ) and application (  genus ration- ale ) of the Constitution which both obey the principles of the antique doctrine of «  status  ». Papinian’s commentaries are thus an example of the felicitous use of rhetorical theory in legal argumentation. I. Einleitung; II. D. 40,7,34,1 Pap. 21 quaest. als Beispiel einer Kommentierung, S. nn , 1. Paraphrase, 2. Interpretation, a. Die ratiocinatio  als Grundstruktur der Kommentierung,  b. Die Auslegung des Reskriptes: quod rescriptum ita accipi debet, c. Inhalt und Funktion des exemplum :  Dama si in Hispaniam profectus anno proximo fructus coegerit, liber esto,  d. Die Auslegung des Reskriptes unter Anwendung der  status -Lehre, e. Die Erörterung der quaestio  facti , f. Zur Verbindung juristischer und rhetorischer Argumentation; III. Übersicht über ver-gleichbare Strukturen in anderen Katenen, 1. Andere Kommentare in Form der ratiocinatio, 2. Der Zitatcharakter der kommentierten Konstitutionen; IV. Gründe für die rhetorische Gestalt der Kommentierungen in Papinians Quaestiones, 1. Auslegungshoheit und praktische Relevanz von Auslegungsentscheidungen, 2. Zur rhetorischen Einkleidung der Beratungen vor dem Kai-ser; V. Schluss. ∗ )  Die nachstehenden Überlegungen gehen zurück auf einen Vortrag, den ich auf Einladung von Herrn Professor Dr. Ulrich Manthe auf dem 37. Deutschen Rechtshis- torikertag in Passau im September 2008 gehalten habe. Für ihre umfassende Förderung danke ich Herrn Professor Dr. Dr. Alfons Bürge und Frau Professor Dr. Tiziana Chiusi, für hilfreiche Anregungen Herrn Privatdozenten Dr. Jakob Stagl und Herrn Assessor  Nicolas Uwe Vollersen.  Kommentare des Kaiserrechts in Papinians Quaestiones 157I. Einleitung Die rhetorisch gefärbte, nicht immer juristisch-technische Sprache Papi-nians ist mehrfach untersucht worden, ohne dass man zu einer allgemein akzeptierten Erklärung für diese Besonderheit gelangt ist 1 ): Während in der  Nachfolge von Fritz Schulz noch Franz Wieacker geneigt war, einen nach-klassischen „papinianisierenden Bearbeiter“ anzunehmen, der die klassische klare Sprache der Quaestiones verfälscht habe 2 ), deuten neuere Arbeiten die stilistischen Auffälligkeiten Papinians als Ausdruck der Individualität des Ju- risten und damit als Hinweis auf die Authentizität der in den Digesten überlie- ferten Fragmente 3 ). Eine erneute Stellungnahme zum Stil Papinians setzt al- lerdings die bisher fehlende Untersuchung voraus, inwieweit die rhetorischen Anleihen in Papinians Werk überhaupt der rhetorisch-dialektischen Theorie entsprechen und in welchem Verhältnis sie zum juristischen Gehalt der Er-örterung stehen. Ein eindrucksvolles Beispiel für die Verwendung rhetorisch-dialektischer Strukturen sind die Kommentare zu Kaiserkonstitutionen in Pa- pinians Quaestiones : Sofern die Kompilatoren ganze Katenen aus Papinians Werk zum Kaiserrecht exzerpiert haben, ist nämlich erkennbar, dass diese Kommentare nach einer einheitlichen rhetorisch-dialektischen Struktur auf-gebaut sind. Dieses Muster gilt es zunächst an einem Beispiel vorzustellen (II), bevor Papinians Kommentierung in allgemeiner Weise zu charakterisie- 1 ) Vgl. bereits H. Leipold, Über die Sprache des Juristen Aemilius Papinianus, 1891, der „Archaismen“, „Afrizismen“ und „Papinianismen“ unterscheidet; auf um- fassender Basis T. Honoré, Emperors and Lawyers, 2 1994, bes. S. 80: “Some of these expressions are inelegant, for Papinian, though a great lawyer, is a crabbed writer, whose prose was thought by some to betray an African background”; zum Stil Papi-nians allgemein nur H. Ankum, Le laconisme extrême de Papinien  (aus: Ho menaje al Prof. G. Martínez Diez 1994), jetzt in: ders., Extravagantes, 2007, S. 279–297; ders., Papinian ein dunkler Jurist?, OIR 2 (1996) 5–32. 2 ) F. Schulz, The Postclassical edition of Papinians ‘Libri Quaestionum’, in: Scritti Ferrini, IV, 1949, S. 254–267; ders., Papinianstudien I., Das ‘Quare’ und die Rationalisierung der römischen Rechtswissenschaft, AHDO-RIDA 1 (1952) 557–569; ders., Papinianstudien II, AHDO-RIDA 2 (1953) 381–410; ders., Geschichte der rö- mischen Rechtswissenschaft, 1961, S. 296–298; F. Wieacker, Textstufen klassischer Juristen, 1975, S. 339f. und 359–373. 3 ) Vgl. U. Manthe, Votum parentium, in: Fschr. J. G. Wolf, Berlin 2000, S. 163–  181; ders., Ethische Argumente im Werk Papinians, OIR 10 (2005) 143–166; D. Liebs, Aemilius Papinianus in: HLL IV § 416.B.5, 1997, S. 120 und zuletzt ders., Rezension F. Wieacker, Römische Rechtsgeschichte II, 2006, in: Göttingische Gelehr- te Anzeigen 2008 (im Druck). Zur Forschungsgeschichte vgl. auch den Überblick bei O. Behrends, Papinians Verweigerung oder die Moral eines Juristen, in: Literatur und Recht, 1996, S. 243, 250–253.  Ulrike Babusiaux 158ren ist (III). Daran schließen sich Überlegungen zu Funktion und Zweck der rhetorischen „Aufbereitung“ der juristischen Darlegung bei diesem Juristen an (IV). II. D. 40,7,34,1 Pap. 21 quaest. als Beispiel einer Kommentierung Ein Beispiel bietet das in der Palingenesie unter Nr. 301 aufgeführte Frag-ment aus dem 21. Buch der Quaestiones. Es ist zur besseren Verständlichkeit in Sinnabschnitte (1–5) unterteilt: D. 40,7,34,1 Pap. 21 quaest.(1) Imperator Antoninus rescripsit iussum rationes reddere et liberum esse, si heres causabitur accipere rationes, nihilo minus liberum fore. (2) quod rescriptum ita accipi debet, ut, si reliqua non trahat, liber sit: (a) quod si trahat, ita demum, si optulit eam quantitatem, quae refundi debuit ex fide veritatis: non enim libertati sufficit heredem in mora fuisse, si non id fiat per statu liberum, quod remota mora libertati aditum daret. quid enim si ita manumissum “Dama si in Hispaniam profectus anno proximo fructus coegerit, liber esto” Romae retineat heres neque proficisci patiatur? numquid dicturi sumus statim ante fructus coactos liberum fore? nam et cum Romae stipulatio concipitur ita “centum in Hispania dare spondes?”, inesse tempus stipulationi, quo possit in Hispaniam pervenire, nec ante iure agi placuit. (b) sed si heres acceptis rationibus et reliquis computatis donare se ea statulibero non habenti quod inferat proscribat aut etiam litteris ad eum missis palam faciat, con-dicio libertatis impleta videbitur. (3) quid ergo, si neget se reliqua traxisse atque ideo, quia per heredem steterit, ut accipiat rationes, liberum factum, heres autem neque se fecisse moram et reliqua de- bere statuliberum contendat? (4) apud eum qui de libertate cognoscit, an condicio sit impleta, constabit: cuius officio continebitur de mora considerare nec minus computare rationes et, si reliqua trahi compererit, non esse liberum pronuntiare. sed si numquam negavit reliqua de-  bere, cum autem conveniret heredem et rationes offerret, professus sit refusurum, quidquid in reliquis esse constiterit et eius pecuniae reum numerare paratum idoneum optulit et heres in mora fuit: (5) sententia pro libertate dicetur. Übersetzung: (1) Der Kaiser Antoninus hat durch Reskript entschieden, dass derjenige, dem be-fohlen worden sei, Rechnung zu legen, um frei zu sein, auch dann frei sei, wenn der Erbe die Annahme der Rechnung zum Vorwand nehme [die Freilassung zu verzö- gern]. (2) Dieses Reskript muss so verstanden werden, dass er frei sein soll, wenn er nicht mit Schulden im Rückstand bleibt. (a) Aber wenn er im Rückstand bleibt, dass er nur dann [frei sein wird], wenn er genau die Summe angeboten hat, welche aus dem Vertrauen auf die Wahrheit [der  Kommentare des Kaiserrechts in Papinians Quaestiones 159 eigenen Aufzeichnung] zurückerstattet werden müsste. Nicht nämlich genügt es für die [Erlangung der] Freiheit, dass der Erbe im Verzug war, wenn nicht das durch den  bedingt Freigelassenen bewirkt wird, was abgesehen vom Verzug den Zugang zur Freiheit eröffnet. Was nämlich, wenn er so freigelassen worden ist: „Wenn Dama, nachdem er nach Spanien gelangt ist, im nächsten Jahr die Früchte gezogen haben wird, soll er frei sein“ und der Erbe ihn in Rom zurückhält und nicht dulden will, dass er fortzieht? Ob wir wirklich sagen dürften, dass er [der bedingt Freigelassene] sofort vor der Fruchtziehung frei sein werde? Denn auch wenn in Rom die Stipulation so konzipiert worden ist: „Versprichst du hundert in Spanien zu geben?“ ist die Zeit in der Stipulation enthalten, in der er nach Spanien gelangen kann, und es ist anerkannt, dass er nicht vorher mit Recht klagte. (b) Aber wenn der Erbe nach Erhalt der Rechnungen und nach Auszählung des Ver-  bliebenen, niederschreibt, dass er dies dem bedingt Freigelassenen, der nicht habe, was er eintrage, schenke, oder auch mit an ihn gerichteten Briefen öffentlich mache, wird die Bedingung der Freiheit als erfüllt angesehen werden. (3) Was also, wenn er [der bedingt Freigelassene] verneint, ausstehende Schulden zu haben, und er deshalb, weil es am Erben liege, dass er die Rechnungen nicht an-nehme, frei geworden sei, der Erbe aber behauptet, dass er keinen Verzug begangen habe und dass der bedingt Freigelassene Verbleibendes schuldet? (4) Bei dem, der hinsichtlich der Freiheit die richterliche Kognition ausübt, wird festgestellt werden, ob die Bedingung eingetreten ist. Seine Amtspflicht wird um- fassen, den Verzug zu untersuchen, ebenso wie die Rechnungen zu prüfen und, wenn Gewissheit darüber erlangt worden ist, dass Schulden ausstehen, ihn nicht für frei zu erklären. Aber wenn er [sc. der Statuliber] niemals verneint hat, Verbleibendes zu schulden, als er aber den Erben anging und die Rechnungslegung anbot, gelobt hat, zurückzugeben, was auch immer als verbleibende Schuld festgestellt werde und für dieses Geld einen geeigneten und zur Zahlung bereiten Schuldner angeboten hat und der Erbe im Verzug war, (5) wird das Urteil zugunsten der Freiheit lauten. 1. Paraphrase: Ein Reskript eines Kaisers Antoninus hat angeordnet, dass ein Sklave, der unter der Bedingung der Rechnungslegung freigelassen worden ist, die Frei-heit erlangt, wenn der Erbe die Entgegennahme der Rechnungen verweigert (1). Papinian präzisiert (2): Der Statuliber könne nur dann frei sein, wenn er keine Schulden aus der Geschäftsführung habe oder jedenfalls die Zahlung der ausstehenden Posten ex fide veritatis  angeboten habe. Die Bedingung rationes reddere  sei allein durch den Verzug des Erben nicht erfüllt. Der Be- dingungseintritt könne nur dann fingiert werden, wenn der Statuliber sei- nerseits das für die Freilassung Erforderliche getan habe. Dieses allgemeine Erfordernis wird durch ein Beispiel belegt: Es handelt von einem Sklaven Dama, der unter der Bedingung freigelassen worden ist, dass er in Spanien die Ernte einhole. Wenn der Erbe den Sklaven an der Reise nach Spanien  Ulrike Babusiaux 160hindere, erlange der Sklave nicht sofort die Freiheit, sondern erst nach Ver- streichen der Erntezeit. Wie die Stipulation certo loco enthalte die Freilassung unter der Bedingung eines Ortswechsels eine konkludente Zeitbestimmung, was eine sofortige Klage auf Freiheit verhindere. Im Ausgangsfall [des Re-skriptes] könne der Statuliber anstatt die Zahlung anzubieten, auch dadurch frei werden, dass der Erbe die Schulden erlasse, was er aber schriftlich be-stätigen oder durch Brief öffentlich bekannt machen müsse. An diese Ausle-gung des Reskriptes schließt sich die Prüfung eines streitigen Sachverhaltes an (3): Während der Statuliber dem Erben Annahmeverzug vorwirft, wendet der Erbe ein, jener habe seiner Rechnungslegungspflicht nicht genügt. Die Entscheidung über diese Streitfrage liegt nach Papinian im Ermessen des für die Freilassung zuständigen Magistraten (4). Dieser habe im Rahmen seiner Amtspflichten den Verzug des Erben festzustellen und die vom Sklaven vor-gelegten Rechnungen zu prüfen. Komme er zu dem Ergebnis, dass der Statu-liber noch Schulden habe, sei das Fortbestehen der Unfreiheit auszusprechen. Ein Urteil zugunsten der Freiheit setze auch bei Verzug des Erben voraus, dass der Statuliber seine Zahlungspflicht niemals bestritten und versprochen habe, die nach Ermessen des Richters fehlende Summe zu erstatten, und dafür einen Bürgen gestellt habe. 2. Interpretation: Die Interpretation der Kommentierung des Reskriptes Caracallas 4 ) wird er-leichtert, wenn man sich ihre grundlegende Struktur vergegenwärtigt: 4 ) „Antoninus“ ist die abgekürzte Titulatur des Caracalla, vgl. dazu zuletzt H. W.  Nelson/U. Manthe, Gai Institutiones III 182–225, 2007, S. 101f. Anders zum Frag- ment: H. Fitting, Alter und Folge der Schriften römischer Juristen von Hadrian bis Alexander, 1908, S. 74 mit Fn. g, der „Antoninus“ Pius als Urheber des Reskriptes vermutet. Diese Argumentation übersieht, dass Pius bei Papinian (mit Titulatur) „Titus Antoninus“ heißt, vgl. Pal. 70 = D. 50,1,11 pr.–13 Pap. 2 quaest.; Pal. 73 = D. 3,1,8 Pap. 2 quaest.; Pal. 90 = D. 1,5,8 Pap. 3 quaest.; Pal. 295 = D. 36,1,12 Pap. 20 quaest. und Pal. 299 = D. 36,1,57,1 Pap. 20 quaest.; Pal. 342 = D. 12,6,3 Pap. 28 quaest.; Pal. 345 = D. 36,3,5,3–4 Pap. 28 quaest.; Pal. 363 = D. 1,7,32,1 Pap. 31 quaest. „An- toninus“ allein bezeichnet dagegen auch im Codex meist Caracalla. Das damit ent- stehende zeitliche Problem löst sich auf, wenn man berücksichtigt, dass es auch dort Konstitutionen aus der Herrschaft des Septimius Severus gibt, die „Antoninus“ als alleinigen Urheber ausweisen: C. 2,11,7 Ant. (a. 205); C. 2,11,8 Ant. (a. 205); C. 2,11,9 (a. 208); C. 2,11,10 Ant. (a. 208); C. 4,15,2 Ant. (a. 205); C. 5,72,1 Ant. (a. 205); C. 8,25,2 Ant. (a. 208); C. 9,1,2 pr. Ant. (a. 205); C. 9,1,2,1 Ant. (a. 205). Offenbar hat Caracalla bereits zu Lebzeiten des Septimius Severus eigenständig Recht gesprochen und gesetzt, vgl. dazu mit weiteren Belegen D. Nörr, Aporemata Apokrimaton (P. Columbia 123), in: HIA II, S. 1293, 1305f. sowie J.-P. Coriat, Le prince législateur,
Related Documents
View more...
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks