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Becker-C Freundschaft und Briefroman in England (18. Jahrhundert)

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Becker-C Freundschaft und Briefroman in England (18. Jahrhundert)
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   Barbara Becker-Cantarino »A Letter to a Friend« Freundschaft und Briefroman in England Freundschaftsbriefe waren eine beliebte literarische Gattung im ausgehenden 17. und besonders im 18. Jahrhundert, die zwei große Moden der Zeit miteinan-der verbanden: die Kommunikation in Briefen als Vehikel des gelebten und imaginierten Freundschaftskultes. Hier soll Robert Vellusigs anregendes Kapitel zum »Brief als Medium von Intimität« 1  aufgegriffen und mit einer theoretischen wie historisierenden Betrachtung von Freundschaft und Briefroman im 18. Jahrhundert weitergeführt werden. Dabei soll besonders auf die in der deut-schen Forschungsdiskussion weniger beachteten, von Frauen verfassten Brief-romane in England eingegangen und diese in exemplarischer Auswahl mit in das literarische Feld des 18. Jahrhunderts einbezogen werden. Die folgenden Ausführungen gehen dem Konnex von Briefroman und Kommunikation nach, indem sie die Briefromane als eine Art von Kommunikationssystem für Freund-schaft und Geselligkeit in romanhafter Form im späten 17. und 18. Jahrhundert  betrachten. Dieses über Schrift und Texte sich verständigende System entwi-ckelte sich von England und Frankreich ausgehend neben der Gelehrtenkultur auf der einen und der galanten, aristokratischen Kultur der Höfe auf der anderen Seite in landadeligen, großbürgerlichen, an Bildung und Literatur interessierten Leserschichten wie die der Moralischen Wochenschriften. Mit der Fokussierung auf gesellige Freundschaft sollen die Briefromane von Autorinnen in England  besonders vor Richardson näher betrachtet werden. Dabei spielt – so die These dieser Ausführungen – das Kommunikationssystem von Briefkultur und geselli-ger Freundschaft eine Schlüsselrolle für die Genese der Gattung Briefroman als ›letter to a friend‹ –  Freundschaftliche Briefe wie Gleim seine erfolgreiche Publikation von 1746 betitelte. Der Briefroman als literarisches Genre wird so aus der epochenbedingten Einschränkung auf die Empfindsamkeit herausge-nommen, wie es kürzlich auch Gideon Stiening unternommen hat. 2  Daher die 1  Robert Vellusig: Schriftliche Gespräche. Briefkultur im 18. Jahrhundert. Wien, Köln, Weimar 2000 (Literatur und Leben N. F. 54), S. 56–82. 2  Vgl. Gideon Stiening: Briefroman und Empfindsamkeit. In: Das Projekt Empfindsamkeit und der Ursprung der Moderne. Richard Alewyns Sentimentalismusforschungen und ihr epochaler Kontext. Hg. v. Klaus Garber u. Ute Széll. München 2005, S. 161–190, hier S. 168 und 176–190.   Barbara Becker-Cantarino 22 folgenden Bemerkungen zur geselligen Freundschaftskultur und Briefroman in England. 1. Freundschaft und Literatur um 1700 »There has been no subject of morality which has been better handled and more exhausted than [friendship],« schrieb Thomas Addison in The Spectator  , »Friendship is a strong and habitual inclination in two Persons, to promote the Good and happiness of one another«. 3  Addison eröffnete damit eine Diskussion über Freundschaft in seiner Moralischen Wochenschrift, bei der er die bis in die Antike zurückgehende Tradition ebenso kursorisch evozierte wie er die zeitge-nössische moralphilosophische Anschauung von geselliger Freundschaft als sozialethische Kategorie für seine Leser verständlich ausbreitete. Angesichts des inflationären Gebrauchs des Wortes ›Freundschaft‹ im 18. Jahrhundert wie auch in neueren Forschungen zu diesem Thema und angesichts der durchaus unterschiedlichen Vorstellungen und emotionalen Assoziationen, die der Begriff ›Freundschaft‹ evoziert, erscheint mir eine begriffliche Klärung im Hinblick auf die Literarisierung des Begriffes zunächst einmal wichtig. Konzentrieren möchte ich mich dabei auf das Potential der Freundschaft, das Individuum freizusetzen, auf den Innovationsraum der Freundschaft (und die Exklusionen davon) sowie auf die Möglichkeit der Emotionalisierung. Vier Ebenen, die sich überschneiden und miteinander in Beziehung stehen, haben als Projektionsflächen der Diskurse über Freundschaft gedient: das Sub- jekt (der Freund/die Freundin), die Interaktion (Freundschaft als persönliche Beziehung und als Ethos), das gesellschaftliche Umfeld (Familie, Gruppen, Institutionen, Gesamtgesellschaft) und die schriftliche (kulturgeschichtliche) Tradition. Freundschaft ist eine auf gegenseitige Achtung, Zuneigung und Ver-trauen gegründete Beziehung zwischen zumeist zwei oder wenigen Menschen oder Gruppen, die unabhängig von verwandtschaftlichen Bindungen und Lie- besverhältnissen gebildet wird und existiert. Freundschaft kann  (muss aber nicht) die Grenzen von Familie, Sippe, Nation, Klasse, Religion und Geschlecht überschreiten, ist jedoch anders als die Ehe kein gesetzlicher Vertrag und auch keine Institution, die fest in der Gesellschaft verankert ist, sondern besteht auf Freiwilligkeit und Freiheit des Einzelmenschen zur Assoziation. In dieser Of-fenheit und Freiwilligkeit zur Assoziation liegt eine große Chance für Innova-tion, das Individuum kann aus der familialen Organisation und sozialen Stel-lung, in die man hineingeboren wurde, heraustreten, neue Bindungen eingehen, den Horizont erweitern und die eigene Person stärken und weiterentwickeln. 3  The Spectator Nr. 385, 22. Mai 1712, S. 103.  »A Letter to a Friend«. Freundschaft und Briefroman in England 23 Die Freundschaftsdiskurse verweisen auf offene Gattungen wie Brief, Gespräch oder Essay. Das kreative literarische Potential der Freundschaft bezeugen die Freundschaftsdichtungen wie die Kommunikation in Briefwechseln, die literari-sche Gattung der Freundschaftsbriefe und Briefromane. 4  Für die (literarisierten) Freundschaftsdiskurse von der Renaissance bis weit in das 18. Jahrhundert hinein waren Aristoteles’ Definition vom Freund als zweitem Ich und Ciceros Abhandlung  De Amicitia  vorbildlich. 5  Die Philosophie der Antike unterschied bekanntlich zwischen ›philia‹ (Freundschaft) und ›eros‹ (leidenschaftliche Liebe). Diese Konzepte banden Freundschaft an freie, gebil-dete, einflussreiche Männer und hielten Frauen wegen ihres Geschlechtes für unfähig zur wahren Freundschaft, weshalb sie in dieser kulturellen   Tradition   nicht präsent, wenn nicht sogar explizit von der herrschenden Freundschafts-konzeption ausgeschlossen waren (oder nur als Liebesobjekt männlichen Be-gehrens fungieren konnten). Daneben wirkte ebenfalls der Begriff der ›caritas‹ (Nächstenliebe, Freundschaft zum Nachbarn) als wichtiges Konzept der christ-lichen Lehre, die besonders von Augustinus in  De Fide, Spe et Caritate ( Über Glaube, Hoffnung und Liebe, nach 420 verfasst) eingeführt worden war. Im 17. Jahrhundert wurde in England unter religiösen Dissidenten wie den Quäkern das religiöse Freundschaftskonzept auf alle Mitglieder einer Gemeinde, auch auf die Frauen ausgeweitet. Die religiös Gleichgesinnten oder zur Gemeinde Gehörigen nannten sich gegenseitig ›friends‹ – Zeichen einer langsam sich entwickelnden Aufwertung und Emotionalisierung (auch Erotisierung) zwi-schenmenschlicher Beziehungen. Ähnliches artikulierten die (von den Orthodo-xen abfällig benannten) Pietisten in Deutschland, die sich in ihrer Gemeinde als ›Freunde‹ anredeten und verstanden und den »Umschlag von der Gottesliebe auf die Freundesliebe« mit vorbereiteten, wenn etwa die Pietisten die »Inner-lichkeit gegen die Welt« setzten und eine »innerweltliche empfindsame Freund-schaft« zu leben versuchten. 6  Bei Shaftesbury ist Freundschaft »sublime He-roick Passion«, der Mensch wird als soziales Wesen gesehen, der zum Wohler-gehen des Ganzen mit »an enlarged Affection and Sense of Obligation« beitra-   4  Eckhardt Meyer-Krentler: Freundschaft im 18. Jahrhundert. Zur Einführung in die For-schungsdiskussion. In: Frauenfreundschaft – Männerfreundschaft. Literarische Diskurse im 18. Jahrhundert. Hg. v. Wolfram Mauser u. Barbara Becker-Cantarino. Tübingen 1991, S. 1–22. 5  Vgl. hierzu Barbara Becker-Cantarino: Friendship. In: Encyclopedia of the Enlightenment . Bd. 2. Oxford 2002, S. 130–138. 6  Vgl. Wolfdietrich Rasch: Der Freundschaftskult und Freundschaftsdichtung im deutschen Schrifttum des 18. Jahrhunderts vom Ausgang des Barock bis zu Klopstock. Halle 1936 (DVJs Buchreihe 21), S. 53 und 61. In der deutschen geistesgeschichtlichen Forschung (von Dilthey bis Rasch und Erich Trunz) kam es zu einem spezifisch deutschen Freund-schaftsverständnis, das zu einem Ethos von erlebnishafter Innerlichkeit auratisiert wurde, wie schon Eckhardt Meyer-Krentler (Der Bürger als Freund. Ein sozialethisches Programm und seine Kritik in der neueren deutschen Erzählliteratur. München 1984, S. 19–20) festge-stellt hat.   Barbara Becker-Cantarino 24 gen muss; ein Freund ist auch immer »Man’s Friend«, der auch »Friend of Mankind« sein soll ( Sensus communis. An Essay on the Freedom and Wit of  Humor  , 1709). 7  Schon Thomasius’ Sittenlehre (1692–96) hatte unter Berufung auf Aristoteles Freundschaft als Gesinnung und als Handlung, die Plicht zu sozialem Verhalten gegenüber anderen (gemeint waren hier die Männer in der Politeia) in den Mittelpunkt seiner Ethiklehre gestellt. Bei Christian Wolff wurde der Begriff ›Freundschaft‹ zur allgemeinen Menschenliebe erweitert (dabei wie bei Shaftesbury der religiöse oder metaphysische Bezug zurückge-drängt): »Also ist ein Freund eine Person, die bereit ist aus unsrer Glückselig-keit Vergnügen zu schöpfen« ( Vernünftige Gedanken von der Menschen Tun und Lassen , 1721). 8  In den Diskursen über Freundschaft kam auch in der am Ende des 17. Jahrhunderts beginnenden naturrechtlichen Diskussion der Begriff ›Gesel-ligkeit‹ hinzu, wenn etwa bei Thomasius eine Verschiebung des Interesses von der Staats-Klugheit zur Privat-Klugheit als »Kultur der Geselligkeit« stattfindet und bei Christian Wolff auch Institutionen bis hin zu Ehe, Haus und väterlicher Herrschaft mit anvisiert wurden. 9  So lautet der Kernsatz unter dem Lemma »Geselligkeit« in Zedlers Universal-Lexicon:  »Geselligkeit ist eine Pflicht mit andern Menschen eine friedliche und dienstfertige Gesellschafft zu unterhalten, damit alle durch alle ihre Glückseligkeit erlangen mögen«, 10  dem dann ein ausgeklügeltes Gedankengebäude über vernünftige Sozialität, individuelle Sozi-abilität, Individualethik und Konstrukte idealer geselliger Verhältnisse folgt;   Freundschaft ist »vernünftige Liebe«, wenn es im Zedler heißt: »Eine innigliche vernünfftige Zuneigung gegen eine Person, ihre Glückseligkeit zu befördern, heisset die Liebe: Derowegen sind, Vermöge der Geselligkeit alle Menschen einander zu lieben schuldig, als sich selbst.« 11  Hier wurde zunächst von Men-schen – ohne weitere Unterscheidung von Stand oder Geschlecht – gesprochen, was – jedenfalls theoretisch – das innovative Potential enthielt, dass alle  Men-schen frei waren, neue, über Geschlechter- und Familiengrenzen hinausgehende Assoziationen einzugehen und als ›gesellige Wesen‹ moralisch dazu sogar verpflichtet waren. Damit fühlten sich auch die Frauen in der geselligen Kultur des englischen Landadels schon im 17. Jahrhundert aufgefordert und berechtigt, über die Familie (kaum aber über ihren Stand) hinausgehende Freundschaften zu schließen, Netzwerke von Gleichgesinnten zu knüpfen und in Freundschafts-   7  Christa Seidel: Freundschaft. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hg. v. Joachim Ritter, Karlfried Gründer u. Gottfried Gabriel. Bd. 2. Basel 1972, Sp. 1108–1114, hier Sp. 1110. 8  Ebd., Sp. 1111. 9  Vgl. Wolfram Mauser: Geselligkeit. Zu Chance und Scheitern einer sozialethischen Utopie um 1750. In: Aufklärung, 4 (1989), S. 11–13. 10  Artikel »Geselligkeit«. In: Johann Heinrich Zedlers Grosses vollständiges Universallexicon Aller Wissenschaften und Künste. Bd. 10. Halle, Leipzig 1735, Sp. 1260. 11  Ebd.  »A Letter to a Friend«. Freundschaft und Briefroman in England 25 diskursen zumeist in Briefform sich zu verständigen, zu belehren und zu publi-zieren. Dazu diente der Brief als private oder öffentliche Mitteilung, die in essayistischer oder fiktionaler Form als ›letter‹ (gegen die Widerstände der Tradition) auch als Publikationsform entwickelt wurde. Die Kommunikation lief über Briefe und wurde durch rapide sich entwickelnden Postverkehr ermög-licht, erweitert und intensiviert. 2. Gesellige Briefkultur der Frauen in England Waren Briefe in Frankreich eine Art von Fortführung der von Frauen wesentlich mitgestalteten Salon-Geselligkeit, 12  so lässt sich von England sagen, dass Briefe  bereits seit dem 17. Jahrhundert die Vor-Schule der Romane schreibenden Frauen gewesen sind, wie schon Virginia Woolf festgestellt hat: »Wäre Dorothy Osborne 1827 geboren, dann hätte sie Romane geschrieben; wäre sie 1527 geboren, hätte sie überhaupt nichts geschrieben. Aber sie wurde 1627 geboren, und obwohl es zu der Zeit lächerlich für eine Frau war, ein Buch zu schreiben, so war es dennoch nicht unziemlich, Briefe zu schreiben.« 13  Dorothy Osborne steht für die mediale Evolution des zunächst nicht gedruckten, handschriftlichen Kommunikationsmediums Brief im 17. Jahrhundert in England. Osborne (Lady Temple, 1627–1695) widersetzte sich den Heiratsplänen ihres Vaters, unterhielt sieben Jahre lang eine heimliche Beziehung in Briefen mit dem in Irland und auf dem Kontinent herumreisenden, zeitweilig in London sich aufhaltenden Sir William Temple (und heiratete ihn, nachdem beider Väter gestorben waren); ihre für das 17. Jahrhundert ungewöhnliche, ›romanhafte‹ Beziehung ist in 77 (erhaltenen) Briefen an Temple enthalten, die erst 1888 erstmals als  Letters  from Dorothy Osborne to William Temple 1652–54  (von Sir Edward Parry als Appendix zu seiner Biografie von Lord Temple) veröffentlicht wurden. 14  Osbornes geistreiche, mitteilsame Briefe gehören zur literarischen Kultur englischer, landadeliger Frauen, die vergleichsweise – mit der Situation in Deutschland – selbstbewusst als Leserinnen und Briefschreiberinnen sich betä-tigten. Ihre zumeist gehobene, wohlhabende, auch Freizeit und Muße erlau-   12  Elizabeth C. Goldsmith: Exclusive Conversations: The Art of Interaction in Seventeenth-Century France. U Penn 1988. 13  Virginia Woolf: Dorothy Osborne’s »Letters« [1928]. In: V. W.: The Second Common Reader. Hg. v. Andrew McNeillie. Bd. 2. London 2003, S. 59. 14  Für Osborne war es unschicklich, sich öffentlich als Schriftstellerin zu betätigen (sie widmete sich nach ihrer Verheiratung der politischen Diplomatenkarriere ihres Mannes).  Neben mehreren Neuausgaben ist eine erweiterte Edition von Edward Abbott Parry (Lon-don 1914) im Netz zugänglich. Vgl. URL: http://digital.library.upenn.edu/women/osborne/ letters/letters.html [Stand: 17.12.2009] und URL: http://www.gutenberg.org/etext/12544 [Stand: 17.12.2009].
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